Prof. Alfred Stock
Prof. Alfred Stock
(1876-1946)

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Quelle: Zahnärztliche Rundschau 48 (1939), Spalten 371 - 377 und 403 - 407

 

 


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Die chronische Quecksilber-
und Amalgamvergiftung
1)


Von Prof. Dr. Alfred Stock (Berlin-Dahlem)


             Eine jahrzehntelang in ihrer Ursache nicht erkannte,
sich hauptsächlich in nervös-psychischen Störungen äußernde
chronische Quecksilbervergiftung, unter der meine Mitarbeiter
und ich bei unserer viel Quecksilber benutzenden chemischen
Arbeit litten, veranlaßte mich vor jetzt 15 Jahren, mich neben
meiner wissenschaftlichen Haupttätigkeit mit der Quecksilber-
vergiftung und damit zusammenhängenden Fragen zu befassen.
Ich stellte bald fest, daß die der Ärzteschaft damals wenig be-
kannte chronische Quecksilbervergiftung unerwartet verbreitet
ist und daß sie auch von Amalgam-Zahnfüllungen hervor-
gerufen werden kann, da diese Quecksilber abgeben. In einem
Vortrage, den ich im Juni 1926 vor der Gesellschaft für Zahn-
heilkunde hielt, machte ich hierauf aufmerksam und warnte
auch die Zahnärzte selbst vor den Gefahren beim Umgehen
mit Amalgam. Nachdem ich einige Wochen später noch in
der Berliner Medizinischen Gesellschaft berichtet hatte, rief der
bekannte Kliniker Geheimrat H i s, in Verbindung mit dem
Zahnarzt Professor D i e c k, an der Charité eine von Pro-
fessor F l e i s c h m a n n geleitete "Quecksilber-Untersuchungs-
stelle" ins Leben. Sie bestand etwa zwei Jahre und konnte
aufschlußreiches Material sammeln. F l e i s c h m a n n, der,
wie er selbst sagte, ,,mit äußerst kritischer Einstellung" an
seine Aufgabe herangegangen war, berichtete 1928 über die
Ergebnisse 2). Er beschrieb eine große Zahl von ihm beobach-
teter chronischer Quecksilbervergiftungen; er ,,könnte die
Reihe ähnlicher Fälle, namentlich auch von Zahnärzten, weit
verlängern". Neben den nervös-psychischen Symptomen stellte
er u. a. Nasenrachenkatarrhe als häufige Begleiterscheinung
fest. Weiter schilderte er sieben ,,abgeschlossene Zahnfälle".
Bei Amalgamträgern, die seit langem unter mannigfaltigen,
meistens als nervös gedeuteten Beschwerden, teilweise bis zur
Berufsunfähigkeit, zu leiden gehabt hatten und bereits mit den
verschiedensten Methoden behandelt worden waren, schwand
in allen diesen Fällen nach Entfernung der Füllungen das
Quecksilber im Laufe einiger Monate aus dem Urin, und
gleichzeitig traten Besserung und Heilung ein; die Berufs-
tüchtigkeit kehrte zurück. Die abschließende Zusammenfassung
bezeichnete es ,,als gesichert, daß Quecksilber in einer größeren
Zahl von Fällen, als man bisher anzunehmen gewohnt war,
zu, wenn auch nicht lebensbedrohlichen, so doch die Frische
und Arbeitsfähigkeit, namentlich geistiger Arbeiter, stark be-
einträchtigenden Erscheinungen führen kann. Als Quelle dieser
Quecksilberschädigungen kommt beruflich inhaliertes oder von
Kupferamalgamfüllungen (wohl nur selten auch Silberamal-
gam) aufgenommenes Quecksilber in Frage. ... Für die Praxis
_____________________________
1) Nach einem am 20. 1. 1939 in der Akademie für zahn-
ärztliche Fortbildung gehaltenen Vortrag.
XXVIII. Mitteilung über Wirkung und Verbreitung des Queck-
silbers.
XXVII. Mitteil.: Berichte d. Deutsch. Chem. Ges. 71, 550
(1938); dort auch Zusammenstellung unserer bisherigen
Veröffentlichungen.
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ergibt sich daraus erhöhte Vorsicht bei allen mit Quecksilber
beschäftigten Berufsarten. Für die Zahnpraxis . . . wird man
auf die Verwendung von Kupferamalgam als Füllungsmittel
ganz verzichten und - mehr im Interesse der Zahnärzte -
Edelamalgame durch anderes Material dann ersetzen, wenn
die Industrie Gleichwertiges zur Verfügung gestellt hat."

           H i s selbst wendete sich gleichzeitig 3) an die von der
Tagespresse teils unnötig beunruhigte, teils zu sehr beschwich-
tigte Laienwelt: ,,Wenn heute ein Kranker zum Arzt kommt
mit Klagen über Mattigkeit, Vergeßlichkeit, Erregbarkeit und
unerklärlichen Schnupfen, wenn er etwa noch über Speichel-
fluß, Durchfälle oder gar Zittern der Glieder klagt, so wird
der Arzt an die Möglichkeit von Quecksilbervergiftung denken.
Die Ermittlungen haben also die Angaben S t o c k s bestätigt.
S t o c k  hat das große Verdienst, auf diese leichtesten Formen
der Quecksilbervergiftung aufmerksam gemacht zu haben. Sie
sind so uncharakteristisch, daß sie bisher aus dem Gewirr ähn-
licher Erscheinungen nicht hatten herausgelesen werden können."

          In den Reihen und in den Zeitschriften der Zahnärzte
riefen meine ersten Veröffentlichungen eine große Bewegung
mit Für und Wider hervor. Auf der einen Seite volle Zu-
stimmung, Mitteilungen über die Quecksilberabgabe von
Amalgamfüllungen und über Schädigungen durch diese, auf der
anderen empörte Ablehnung, Bestreiten jeder Quecksilberab-
gabe und -wirkung. ,,Der ganze S t o c k sche Feldzug ist eine
agitatorisch aufgebauschte Nichtigkeit" 4) und dergleichen.
Etwas mehr Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der Gefähr-
dung der Zahnärzte selbst und ihrer Hilfskräfte. Von
B o r i n s k i  und anderen wurden in der Luft zahnärztlicher
Arbeitsräume überraschend hohe Quecksilbergehalte gefunden.

           Rückblickend darf ich feststellen, daß mein Warnruf trotz
alles Widerspruches Erfolg gehabt hat. Die Anklage des
,,Staatsanwalts im Amalgamprozeß", wie man mich nannte,
hat zur Verurteilung des früher viel benutzten Kupferamal-
gams und zu einer vorsichtigeren Behandlung des Silberamal-
gams geführt. Doch ist hiermit das eigentliche Ziel noch nicht
erreicht: Die Ausschaltung jedes Amalgam und damit des
Quecksilbers überhaupt aus der zahnärztlichen Praxis. 

          Als ich mich mit der Quecksilbervergiftung zu beschäftigen
begann, stand man vor vielen offenen Fragen und Rätseln.
Welche Quecksilbermenge ist schädlich? Wie ist die chro-
nische Quecksilbervergiftung nachzuweisen? Wie zu behandeln?
Was kann man zu ihrer Vermeidung tun? In welcher Weise
wirkt das Quecksilber auf den Organismus? Wie kommt es,
daß Amalgamvergiftungen trotz der ungeheuren Zahl von
Amalgamfüllungen nicht häufiger sind? Sind auch Silber-
(Edel-)Amalgame schädlich? usw.

       Die Untersuchungen, die ich mit  F. C u c u e l,  F. G e r s t-
n e r,  R. H e l l e r,  H. K ö h l e,  A. K r e y e r,  H. L u x,
N. N e u e n s c h w a n d e r - L e m m e r,  E. P o h l a n d,
_______________________
2) ,,Zur Frage der Gefährlichkeit kleinster Quecksilber-
mengen", Deutsche Mediz. Wochenschr. 1928, Nr. 8,
Referat: Zahnärztl. Mitteil. 19, 205 (1928).
3) Velhagen und Klasings Monatshefte 42, 313 (1928).
4) Zahnärztl. Mitteil. 19, 455 (1928). 

373
W. Z i m m e r m a n n in den verflossenen Jahren ausführte
und die noch im Gange sind, haben schon manche dieser
Fragen geklärt. Vor zwei Jahren berichtete ich über den da-
maligen Stand unseres Wissens im ,,Archiv für Gewerbepatho-
logie und Gewerbehygiene" 5) ausführlich, wobei jedoch die
Amalgamfrage im Hintergrunde blieb. Ich will nun auch
die Zahnärzteschaft von den erreichten Fortschritten unterrich-
ten und die Warnung vor dem Quecksilber erneuern. Weiß
ich doch, daß es auch im Bereiche der Zahnheilkunde noch
heute sehr viele gibt, die von der Quecksilber- und Amalgam-
vergiftung nichts wissen oder nichts wissen wollen.
 Zunächst sei ein kurzer Überblick über

  die chronische Quecksilbervergiftung im allgemeinen

und über damit verbundene Fragen gegeben. Erst mit deren
Kenntnis ist die Amalgamvergiftung zu verstehen. Und der
Zahnarzt, im Falle einer durch das Arbeiten mit Amalgam
hervorgerufenen Vergiftung ja selbst Patient, leidet an Queck-
silber-, nicht im eigentlichen Sinne an Amalgamvergiftung.

       Das Quecksilber ist ein besonders gefährliches Gift. Es
schädigt, wenn es als Dampf einwirkt, die Gesundheit schon
in viel kleinerer Menge als andere schwere Metallgifte (z. B.
Blei, Thallium). Seine flüssige Form, die ein Verspritzen und
Verstäuben begünstigt, vor allem aber seine Flüchtigkeit bei
gewöhnlicher Temperatur, eine im Reiche der Metalle einzig-
dastehende Eigenschaft (bei Zimmertemperatur mit Queck-
silberdampf gesättigte Luft enthält im Kubikmeter etwa 15 mg
Quecksilber), machen es besonders heimtückisch. Kleine Bruch-
teile dieses Sättigungsbetrages rufen bereits Gesundheitsstörun-
gen hervor. Der Quecksilberdampf ist weder unmittelbar wahr-
zunehmen, noch mit einfachen Mitteln nachzuweisen.

       Noch vor einem Jahrhundert war die Quecksilberver-
giftung, vornehmlich wegen der schweren, Arbeiterschädigun-
gen in den Amalgamspiegel-Fabriken, allgemein bekannt und
gefürchtet. Seitdem die Amalgamspiegel durch die versilberten
Spiegel ersetzt und die hygienischen Verhältnisse in der In-
dustrie überhaupt gründlich gebessert worden sind ist die
deutliche, leicht erkennbare Quecksilbervergiftung seltener ge-
worden und ihre Kenntnis ziemlich verloren gegangen. Da-
gegen ist die im medizinischen Sinne leichte, doch für den Be-
troffenen recht schwerwiegende, Stimmung und Arbeitsfähig-
keit stark herabsetzende, schwer zu diagnostizierende chroni-
sche Quecksilbervergiftung noch weit verbreitet; ja sie breitet
sich noch immer weiter aus. Meist wird sie ebensowenig als
solche erkannt wie so lange in unserem eigenen Falle. Das
Quecksilber besitzt - leider, muß man sagen - neben seinen
Fehlern auch so viele und wesentliche Vorzüge (einziges flüssiges
und leichtflüssiges Metall, Beständigkeit, Schwere, gute elek-
trische Leitfähigkeit, Bildung von ,,Amalgamen" mit anderen
Metallen usw.), daß Wissenschaft und Technik, besonders die
Elektrik, auf seine Benutzung nicht verzichten können und
es sogar in immer steigendem Maße verwenden. Damit er-
weitert sich auch der Kreis derer, die vom Quecksilber bedroht
sind. Zu ihnen gehören außer der Arbeiterschaft mancher Ge-
werbe (Quecksilberminen, Herstellung von Thermometern,
Quecksilber - Kontakten, -Lampen, -Gleichrichtern, Gas-
analysen-Apparaten, Neon-Leuchtröhren, von Haarfilz und
Haarhüten, mit Quecksilber oder Amalgam arbeitende chemi-
sche Verfahren usw.) Chemiker, Physiker, Schullehrer Ärzte
(Blutdruck-Meßapparate) und Zahnärzte (Amalgamverarbei-
tung). Immer neue Verwendungsarten des Quecksilbers
kommen auf, wie die in Amerika entwickelte, Riesenmengen
Quecksilber brauchende Quecksilber-Dampfmaschine und das
Amalgam benutzende Druckverfahren. Auch Personen, die an
sich nichts mit Quecksilber zu tun haben, können unter dem
flüchtigen Metall leiden. (zerbrochene Thermometer, Höhen-
sonnen, Amalgam-Zahnfüllungen).

              Der Nachweis kleinster Quecksilbermengen

      Für unsere Untersuchungen bedurfte es eines zuverlässigen
Analysenverfahrens zur Bestimmung ganz außerordentlich
kleiner Quecksilbermengen, bis zur Größenordnung von 10-8 g,
d. h. 1/100 µg (1 hundertmillionstel g). Nachdem wir uns an-
fangs mit einem im Schrifttum beschriebenen kolorimetrischen
Analysenverfahren beholfen hatten, das nicht voll befriedigte,
____________________
5) 7, 388 (1936). Sonderdrucke stelle ich, soweit mein Vorrat
reicht, auf Wunsch gern zur Verfügung.
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fanden wir, von einer Arbeit von B o d n á r und S z é p aus-
gehend, einen besseren Analysenweg. Das Quecksilber wird
dabei in die Form einer Quecksilberchloridlösung gebracht,
aus dieser elektrolytisch niedergeschlagen und als Metallkügel-
chen isoliert, dessen Durchmesser man unter dem Mikroskop
mikrometrisch mißt. 1000 bis 0,01 µg lassen sich so mit einer Ge-
nauigkeit von wenigen Hundertsteln zuverlässig bestimmen.
Der eigentlichen Analyse geht eine meist umständliche und
zeitraubende Vorbehandlung des Untersuchungsmaterials vor-
aus, durch die das vorhandene Quecksilber in lösliches Chlorid
übergeführt wird. Wie andere Mikroanalysen stellt auch die
analytische Bestimmung so winziger Quecksilbermengen hohe
Anforderungen an die Geschicklichkeit und Erfahrung des
Analytikers. Der Fehlerquellen gibt es viele. Es seien nur der
Quecksilbergehalt der meisten Reagentien, der Filter, des
Leuchtgases, der Laboratoriumsluft, sowie die Adsorption von
Quecksilber an den Gefäßwandungen erwähnt. Leider versagen
beim Quecksilber in der Ausführung einfachere physikalische,
z. B. spektroskopische Analysenverfahren, die sich sonst oft
mit Vorteil verwenden lassen.

      Die Verbesserung der Analyse war der Schlüssel zu unseren
weiteren Untersuchungen.

Es ergab sich, daß auch das Quecksilber zu den ,,allgegen-
wärtigen" chemischen Elementen gehört. Es ist spurenweise in
allen anorganischen und organischen Stoffen enthalten, im
allgemeinen in der Größenordnung von 1 bis 10 millionstel
Prozent, manchmal auch erheblich mehr. Es findet sich in
allen Böden und natürlichen Wässern, in den Pflanzen, Tieren
und in unserem eigenen Körper. Auch der Regen ist schwach
quecksilberhaltig, was beweist, daß die atmosphärische Luft
einen gewissen, nicht unmittelbar nachweisbaren Quecksilber-
gehalt hat. An manchen Stellen reichert sich das Metall an,
z. B. im Ruß, der es mg-weise je kg enthalten kann, infolge-
dessen auch im Straßenstaub, ferner in vielen Chemikalien. Es
fehlt auch nicht in unseren Nahrungsmitteln. Ein Erwachsener
nimmt bei der üblichen Ernährungsweise im Durchschnitt täg-
lich 5 bis 10 µg Quecksilber zu sich.

Ob diesen verbreiteten Quecksilberspuren biologische Be-
deutung zukommt, ist noch unbekannt. Bei der überaus starken
katalytischen Wirkung des Quecksilbers ist es durchaus mög-
lich, daß auch dieses zu den ,,katalytischen" Elementen gehört,
wie man es vom Eisen, Kupfer, Zink, Mangan, Bor usw. weiß,
deren Allgemeinkonzentration allerdings wesentlich höher ist.

                  Wann treten gesundheitliche Schäden auf?

       Mit den neuen mikroanalytischen Verfahren ließ sich die
viel erörterte Frage endgültig beantworten, bei welchem
Quecksilbergehalt der Luft gesundheitliche Schädigungen auf-
treten. Es ergaben sich viel niedrigere Werte, als bisher ange-
nommen wurde. Eine von dem Badischen Landesgewerbearzt
Professor Dr. H o l t z m a n n durchgeführte Beobachtungs-
reihe zeigte, daß von 15 Personen, die einige Wochen lang
täglich mehrere Stunden in einem Raum mit 10 bis 20 µg
Quecksilber im Kubikmeter Luft (d. h. nur 1/1000 der Sätti-
gungsmenge!) arbeiteten, alle bis auf zwei deutliche klinische
Symptome der chronischen Vergiftung aufwiesen. 2 bis 3 µg
werden von Personen, die noch nicht quecksilberüberempfind-
lich geworden sind, auch bei jahrelanger Einwirkung und üb-
licher Arbeitszeit ohne nennenswerte Beschwerden ertragen.
Dies dürfte für die Mehrzahl der Menschen etwa die Grenze
der dauernden Unschädlichkeit sein.
      Beim Studium der chronischen Quecksilbervergiftung konn-
ten wir uns auf Hunderte von Vergiftungsfällen stützen, die
uns im Laufe der Zeit bekannt wurden und zumeist Chemiker,
Physiker, Zahnärzte und andere Ärzte, Schullehrer und ge-
werbliche Arbeiter betrafen. Von besonderem Werte waren die
Beobachtungen, die ich an mir und meinen Mitarbeitern machte.
       Das Quecksilber ist ein ausgesprochenes ,,Atemgift". Die
Aufnahme von Quecksilberdampf durch die Atmungsorgane
wirkt unvergleichlich schädlicher als die Einführung derselben
Quecksilbermenge durch den Magen. Schon in den oberen
Luftwegen sind die Bedingungen für eine schnelle Bindung
von Quecksilberdampf gegeben. Dieser wird von Wasser bei
Gegenwart von Luft, ganz besonders bei Gegenwart von Blut
unter Oxydation schnell absorbiert. Atmet man quecksilber-
haltige Luft ein, so ist die ausgeatmete Luft fast quecksilberfrei.


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                   Krankheitssymptome

    Die Erscheinungen der "leichten" chronischen Quecksilber-
vergiftung, die wir hier allein betrachten 6), sind hauptsäch-
lichlich nervös-psychischer Art, beginnend mit Müdigkeit und
Nervosität, sich allmählich steigernd zu Benommnenheit, Kopf-
schmerz, Einbuße an geistiger Arbeitsfähigkeit und an Ge-
dächtnis (vor allem für Namen und Zahlen), schließlich zu
schweren Verstimmungen und dem Gefühl förmlicher Ver-
dummung. Daneben treten Störungen in den oberen Luft-
wegen, im Munde und Halse auf: Anfangs leichte, oft über-
sehene, wohl auch vom individuellen Nasenbau abhängende
Schwellungen der Nasenschleimhaut (,,verstopfte Nase"), später
Nasen- und Rachenkatarrhe, Ohrensausen, Halsentzündungen,
Bläschen und Geschwüre im Mund, Speichelfluß, Zahnfleisch-
bluten, Bildung von Zahntaschen, Lockerung von Zähnen.
Weitere Erscheinungen sind u. a. Tremor der Finger, Harn-
drang, vereinzelte Durchfälle, Hautausschläge, Herzunruhe,
Magendruck, Appetitlosigkeit, Schmerzen in der Kreuzgegend.
In schwereren Fällen kommt es zu Berufsunfähigkeit.

    Die einzelnen Symptome sind wenig charakteristisch, so
daß die Patienten und ihre Ärzte gewöhnlich nicht an Ver-
giftung oder überhaupt Krankheit denken, sondern den Zu-
stand der Überarbeitung, einer ,,Nervosität", dem Alter usw.
zuschreiben. Wenn ärztliche Hilfe in Anspruch genommen
wird, sind es gewöhnlich Nerven- oder Nasenärzte.

         Die Diagnose der Quecksilbervergiftung

ist oft nicht einfach. Die frühere Meinung, es genüge der
Nachweis von Quecksilber in den Ausscheidungen, ist falsch,
denn jeder Mensch scheidet dauernd etwas Quecksilber aus,
weil er es in den Nahrungsmitteln aufnimmt. Personen,  die
sonst nicht mit Quecksilber in Berührung kommen — sie sind
selten -, scheiden täglich im Harn 1/10 bis 1 µg Quecksilber
aus, im Stuhl etwas größere Mengen, insgesamt durchschnitt-
lich 5 bis 10 µg, das ist etwa ebensoviel, wie sie mit der Nahrung
aufnehmen. - Bei Trägern von Amalgam-Zahnfüllungen steigt
der Quecksilbergehalt des Harnes meist deutlich auf einige µg
und darüber, der des Stuhles auf 20 µg und mehr (ohne daß
eine Vergiftung vorzuliegen braucht). Bei Personen, die mit
Quecksilber umgehen, finden sich noch weit höhere Werte,
in Ausnahmefällen bis zu einigen mg. Auch bei klinisch ge-
sicherten Vergiftungsfällen fanden wir übrigens manchmal
nur wenige µg in der Tagesportion Harn. Bei Quecksilber-
Überempfindlichkeit können die  Werte noch niedriger sein.

      Der normale Quecksilbergehalt des Blutes liegt etwa bei
0,3 bis 0,7 µg in 100 g. Bei frischen stärkeren Vergiftungen
steigert er sich auf das Zehnfache und mehr, fällt aber
schnell auf den normalen Wert, sobald die Quecksilberzu-
führung aufhört. Aus dem Harne verschwindet das Queck-
silber weit langsamer, erst im Laufe vieler Monate, weil es
von der Niere gespeichert und nur ganz allmählich wieder
abgegeben wird.

      Hinsichtlich des Wertes der Analyse für die Diagnose ist
folgendes zu sagen: Die Stuhlanalyse hat bei Amalgamträgern
wenig Bedeutung, weil sie auch das durch die Verdauungs-
organe gehende, gesundheitlich unschädliche Quecksilber er-
faßt. Auch sonst bietet sie keine Vorteile gegenüber der ein-
facher auszuführenden Harnanalyse. Enthält der Harn täg-
lich nur wenige µg Quecksilber, so ist eine Vergiftung nicht
wahrscheinlich, doch nicht ausgeschlossen. Bei mehr als 10 µg
macht der Analysenbefund eine Vergiftung wahrscheinlich,
bei mehr als 50 so gut wie sicher. Über 1 µg in 100 g Blut
beweist, daß noch in den letzten Tagen Quecksilber in größerer
Menge aufgenommen wurde.

     Tierversuche unterrichteten über die Verteilung des Queck-
silbers im Organismus und über die Wiederausscheidung:
     Wurde das Quecksilber den Tieren (Meerschweinchen)
dampfförmig (mit Quecksilber halbgesättigte Luft) zugeführt,
so nahm der Quecksilbergehalt in der Lunge zunächst zu und
blieb nach zwei Tagen etwa konstant, d. h. die Lunge gab
dann ebensoviel Quecksilber an den Kreislauf ab, wie sie auf-
nahm. Schneller und dauernd stieg die Quecksilbermenge in

_____________________
6) Hinsichtlich stärkerer chronischer und akuter Vergiftungen
sei auf das Buch von E. W. B a a d e r und E. H o l l s t e i n: "Das
Quecksilber usw. mit eingehender Darstellung der gewerblichen
Quecksilbervergiftung usw.", Berlin 1933, verwiesen.
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den Nieren, während der übrige Körper quecksilberarm blieb.
Die Nieren speicherten das Quecksilber erstaunlich vollständig,
indem gleichzeitig ihre Arbeit gestört wurde: Der Reststick-
stoffgehalt des Blutes stieg.

      Wenn die Tiere nach der Behandlung mit Quecksilber-
dampf wieder in reine Luft gebracht wurden, so sank der
Quecksilbergehalt in den Lungen und im übrigen Körper rasch
wieder, in den Nieren dagegen äußerst langsam. Nach drei
Wochen befand sich in den kleinen Nieren sechsmal mehr
Quecksilber als im ganzen Körperrest.

      Noch glatter verlief die Quecksilberspeicherung in den
Nieren, wenn die Tiere das Quecksilber nicht durch die
Atmung, sondern mit der Nahrung aufnahmen. Die Queck-
silbermenge in den Nieren stieg dauernd. Im übrigen Körper
änderte sie sich schon vom zweiten Tage an kaum, d. h. alles
weiter zugeführte Quecksilber wurde in den Nieren abgefangen.
Es befand sich dort in chemisch gebundener Form. Als Metall
wurde es erst nach Behandlung mit chemischen Reduktions-
mitteln sichtbar.

      Offenbar verhält sich der menschliche Organismus dem
Quecksilber gegenüber ähnlich. Sicher gilt dies für das
Verhalten der Nieren, die auch beim Menschen das Queck-
silber speichern, es äußerst langsam wieder ausscheiden und in
ihrer Tätigkeit gestört werden. Nierenentzündungen, Anurie
und Urämie sind (manchmal zum Tode führende) Erscheinun-
gen starker Quecksilbervergiftungen. Unsere noch im Gange
befindlichen Untersuchungen an menschlichem (Leichen-) Mate-
rial zeigen, daß sich das zugeführte Quecksilber auch an ein-
zelnen anderen Stellen, z. B. in gewissen Drüsen, wie der
Hypophyse, anreichert, eine unerwartete Feststellung. Von der
Fortsetzung dieser — mühsamen und viel Zeit beanspruchen-
den — Versuche darf man wichtige Aufschlüsse über das Wesen
der Quecksilbervergiftung, vielleicht auch anderer Vergiftungen
erwarten.

     Auch die Tierversuche bestätigen, daß die gleiche Queck-
silbermenge außerordentlich viel schädlicher wirkt, wenn sie
dem Körper durch die Luftwege und nicht durch den Magen
zugeführt wird. Im ersten Falle traten schon schwerste Ge-
sundheitsstörungen auf, während im letzten keine Beeinträch-
tigung des Befindens zu erkennen war.

      Aus der Gesamtheit unseres Beobachtungsmaterials über
die chronische Quecksilberdampf - Vergiftung - ergibt sich
folgendes:

     Um die Vergiftung hervorzurufen, bedarf es der Einwir-
kung etwas größerer Quecksilberdampf-Mengen (vgl. die oben
gemachten Angaben über die schädlichen Quecksilbergehalte
der Luft). Hat sich einmal eine chronische Vergiftung ein-
gestellt, so steigert sich bei fortgesetzter Quecksilberzuführung
die Empfindlichkeit gegenüber dem Quecksilberdampf regel-
mäßig mehr und mehr. Es kommt zu einer ausgesprochenen
Überempfindlichkeit (Allergie), bei der bereits Quecksilber-
mengen schädlich wirken, die sonst nicht schaden und auch
dem Betreffenden selbst früher nicht geschadet haben. Schon
kurzer Aufenthalt in einer Luft mit 1 bis 1/2 µg Quecksilber
im Kubikmeter kann dann Benommenheit, Mattigkeit usw.
hervorrufen. Eine angeborene ,,Idiosynkrasie" gegenüber dem
Quecksilberdampf scheint es nicht zu geben. Mir ist kein
solcher Fall bekannt geworden. Für alle, die mit Quecksilber
zu tun haben, ist dies tröstlich. Man muß schon ziemlich un-
vorsichtig mit dem Quecksilber umgehen, um sich eine Ver-
giftung zuzuziehen, und man kann sie, auch wenn man viel
mit Quecksilber arbeitet, bei genügender Vorsicht vermeiden.
Hat man sie aber einmal erworben und hat sich die Über-
empfindlichkeit eingestellt, so ist es schlimm, und es bleibt
manchmal nichts anderes übrig, als zu einer anderen Tätig-
keit überzugehen, bei der man mit Quecksilber nicht in Be-
rührung kommt (wie ich selbst es tun mußte).

     Es gibt eine hauptsächlich in Hauterscheinungen sich
äußernde, durch den Hauttest festzustellende allgemeine
Quecksilber-Allergie, von der man bis jetzt annimmt, daß sie
meistens durch quecksilberhaltige Salben und dergleichen Ver-
ursacht wird. Einem Zusammenhang zwischen dieser und der
Quecksilberdampf-Vergiftung und -Überempfindlichkeit ist
wohl noch wenig Beachtung geschenkt worden. Die Frage ver-
dient eine eingehende Prüfung. Möglicherweise hat man in
diesem Test ein weiteres diagnostisches Hilfsmittel. Bei mir
selbst ist der Hauttest trotz besonders großer Quecksilber-
dampf-Empfindlichkeit nur schwach positiv.

Unsere Beobachtungen sprechen dafür, daß der erste und
Haupt-Angriffspunkt des Quecksilberdampfes bei der chroni-

377
schen Vergiftung in der Nase und in ihr benachbarten Or-
ganen (Drüsen, Gehirnteilen) liegt und daß es sich nicht um
eine durch den gesamten Kreislauf vermittelte allgemeine Gift-
wirkung handelt. Offenbar dringt das Quecksilber, das in der
oberen Nase großenteils absorbiert wird und schon dort
Störungen hervorruft, - wohl in chemisch gebundener Form
- in benachbarte Organe ein und verursacht in der Siebbein-
gegend und in deren Nähe Reizungen, Schwellungen, Ent-
zündungen, Drüsenstörungen, die als nervös-psychische und
sonstige Beschwerden in Erscheinung treten. Ist die chro-
nische Reizung einmal da, so äußert sich jede neue Queck-
silbereinwirkung in verstärktem Maße als ,,Überempfindlich-
keit". Dies erklärt die sonst unbegreifliche Tatsache, daß
unter 1 µg liegende Quecksilbermengen in kürzester Zeit Be-
nommenheit usw. auslösen können. Daß bei der chronischen
Quecksilberdampf-Vergiftung die Nase und ihre Nachbarschaft
eine wesentliche Rolle spielen, ist unzweifelhaft. Versuche,
die wir gemeinschaftlich mit Dozent Dr. med. et phil.
W. W i r h anstellten und bei denen Hunde nur kurze Zeit
schwach quecksilberhaltiger Luft ausgesetzt wurden, bestätig-
ten, daß das in der Nase aufgenommene Quecksilber in be-
nachbarte Teile gelangt, ehe es im übrigen Organismus nach-
zuweisen ist. Bei stärkerer und längerer Quecksilberaufnahme
werden natürlich auch andere Organe unmittelbar betroffen.

      Über Diagnose und Behandlung der chronischen Queck-
silbervergiftung ist folgendes zu sagen. Der Wert von Queck-
silberbestimmungen im Harn (und Blut) wurde bereits be-
sprochen. Sie können maßgebend sein, wenn viel Quecksilber
gefunden wird, und bleiben somit ein wichtiges Hilfsmittel bei 
der Diagnose. Sie versagen, wenn Quecksilberüberempfindlich-
keit besteht und dem Körper nur sehr kleine Quecksilber-
mengen zugeführt werden. In diesen Fällen ist die Diagnose
am schwersten. Läßt der klinische Befund mangels anderer
Deutung vorhandener Symptome an Quecksilbervergiftung
denken, so ist die Feststellung am wichtigsten, ob Beruf,
Arbeits- oder Wohnstätte, Amalgam-Zahnfüllungen usw. auf
eine Quecksilberdampf-Wirkung sch1ießen lassen. Hegt man
Verdacht, daß in Wohnräumen und dergleichen nicht unmittel-
bar wahrzunehmendes Quecksilber vorhanden ist, so hat die
Luftanalyse zu entscheiden.

      Die sicherste Stütze für die Richtigkeit der Diagnose ist
das allmähliche - immer nur langsame - Verschwinden
der Beschwerden, wenn jede weitere Quecksilberaufnahme aus-
geschlossen wird. Daß dies geschieht, ist die wichtigste und
bis jetzt einzig wirksame Heilmaßnahme. Quecksilberver-
seuchte Räume müssen, gegebenenfalls unter Kontrolle mit
Luftanalysen, saniert werden durch Entfernen sichtbaren
Quecksilbers, Beseitigen aller Quecksilber-Schlupfwinkel,
fugenlosen Bodenbelag, Abzugsvorrichtungen für das Arbeiten
mit Quecksilber usw. Gelegentlich kann die von der Auer-
gesellschaft hergestellte ,,Jodkohle" nützlich sein, die Queck-
silberdampf bindet und, in dünner Schicht auf Quecksilber
gestreut, das Übergehen von Quecksilberdampf in die Luft
für lange Zeit verhindert.7) Bei Quecksilberüberempfindlich-
keit werden zweckmäßigerweise alle Amalgam-Zahnfüllungen
entfernt. Eine ,,Entquecksilberung" des Blutes durch Injek-
tion von Thiosulfat und ähnlichen Stoffen, bei deren Emp-
fehlung der Wunsch leitete, das Quecksilber in das unlös-
liche, harmlose Sulfid (Zinnober) zu verwandeln, ist zweck-
los, weil das Quecksilber, wie erwähnt, ohnehin schnell aus
dem Blute verschwindet, wenn es dem Körper nicht neu zu-
geführt wird. Zum rascheren Ausscheiden des Quecksilbers aus
den Organen, die es wie die Nieren speichern, gibt es noch
kein wirksames Mittel. Die nervösen Symptome der Ver-
giftung, Kopfschmerz, Benommenheit usw., lassen sich mit den
üblichen Medikamenten vorübergehend bekämpfen. Meist Ver-
schwinden dann auch für dieselbe Zeit das Gefühl der Depres-
sion und die Gedächtnishemmungen. Begleit- und Folgeerkran-
kungen der Vergiftung (Nase, Nebenhöhlen, Mund, Zähne,
Kiefer, Nieren) sind entsprechend zu behandeln.
     Der beste' Rat bleibt: Man vermeide die Quecksilberver -
giftung durch sachgemäßes, vorsichtiges Umgehen mit dem
tückischen Gift!
                                   (Schluß folgt)
_______________________
7) Den Quecksilbergehalt in der Luft eines größeren Raumes
kann man damit ebensowenig beseitigen wie mit anderen hierfür
gelegentlich vorgeschlagenen Mitteln (Schwefelpulver, Stanniol-
streifen usw.).

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Die chronische Quecksilber-
und Amalgamvergiftung

Von Prof. Dr. Alfred Stock (Berlin-Dahlem)

                             (Schluß)

                Die Gefährdung des Zahnarztes

     Wir kommen nun auf die zahnärztliche Bedeutung der
chronischen Quecksilbervergiftung zu sprechen, zunächst auf
die Gefährdung der Zahnärzte selbst.

      Der mit Amalgamen arbeitende Zahnarzt und seine Ge-
hilfen sind der Möglichkeit der Vergiftung in hohem Maße
ausgesetzt. Wird das Kupferamalgam, das im wesentlichen
eine Legierung von Kupfer und Quecksilber ist, zum Plastisch-
machen erwärmt, so verdampft Quecksilber und bleibt als
Dampf in der Luft. Bei der Herstellung des Silber-(Edel-)
Amalgams muß mit flüssigem Quecksilber gearbeitet werden,
um die in der Hauptsache aus Silber und Zinn bestehende
,,Feilung" in das plastische Amalgam zu verwandeln. Das
früher allgemein und auch heute noch vielfach übliche Kneten
des Amalgams in der Hand oder in einer erwärmten Reib-
schale bildet eine Gefahrenquelle. Noch schlimmer ist das
Wegschleudern von ausgepreßtem Quecksilber in den Arbeits-
raum. Bei Benutzung neuzeitlicher Vorrichtungen für das
Dosieren und Mischen der Ausgangsstoffe verringern sich die
Gefahren. Doch läßt es sich, wie überall, wo mit Queck-
silber gearbeitet wird, nicht vermeiden, daß gelegentlich
Quecksilber verspritzt wird. So finden sich in der Luft zahn-
ärztlicher Arbeitsräume fast immer beträchtliche, nicht selten
erschreckend hohe Quecksilbergehalte, wie z. B. von B o -
r i n s k i und B i n z e g g e r festgestellt und veröffentlicht
worden ist.

     Es ist daher kein Wunder, daß die chronische Queck-
silbervergiftung, wie schon F l e i s c h m a n n hervorhob,
unter den Zahnärzten und deren Helfern weit verbreitet ist,
als deutliche Erkrankung, noch viel häufiger in ihren ersten,
weniger auffallenden Symptomen, Benommenheit, Kopf-
schmerz, Verstimmung, Nachlassen des Gedächtnisses, was
meist als eine besondere, auch im Schrifttum behandelte ,,Be-
rufsnervosität" angesehen und hingenommen wird.

     Hinsichtlich der Erscheinungen, der Diagnose, der Behand-
lung (auch Entfernung vorhandener Amalgamfüllungen) und
Vermeidung der Vergiftung gilt natürlich alles oben Gesagte.
Besonders wichtig ist auch hier die Entquecksilberung der
Arbeitsräume, die, ohne Fugen und sonstige unzugängliche
Winkel, leicht zu reinigen sein müssen. Keine Teppiche und
dergleichen, am besten als Fußbodenbelag möglichst fugenloser
Natur- oder Kunststein oder Linoleum, das nur gewachst, nicht.
geölt werden darf, damit verspritztes Quecksilber nicht (zu
einer Art ,,grauer Salbe") verschmiert wird. Für die Rein-
haltung der Luft empfiehlt sich eine Ventilationsvorrichtung.
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In Ermangelung einer solchen genügt es auch schon, ein Fenster
dauernd ein wenig offen zu halten. Zu starker Abkühlung läßt
sich mit einer ,,Heizsonne" oder dergleichen vorbeugen. Ich
habe selbst beobachten können, wie diese einfache Maßnahme
nervös und müde gewordene Zahnärzte frischer machte und
geradezu verjüngte. Vor allem: Vorsichtiges Umgehen mit
Amalgam, solange dieses aus der Praxis nicht ganz verbannt
werden kann!

                     Die Gefährdung der Patienten

    Bei der Gefährdung der Patienten hat man zwischen den
Füllungen aus Kupferamalgam und denen aus Silberamalgam
(Edelamalgam; bei kleinen Zusätzen von Edelmetall auch Gold-
oder Platinamalgam genannt) zu unterscheiden.

    Auch hier wird die chronische Quecksilbervergiftung durch
in die oberen Luftwege gelangenden Quecksilberdampf hervor-
gerufen, der in diesem Falle von den Amalgamfüllungen abge-
geben wird und sich der ausgeatmeten Luft beimischt. Es kommt
zu einer Vergiftung mit den üblichen Erscheinungen (nervös-psy-
chische Beschwerden, chronischer Schnupfen, Katarrhe usw., wenn
Beschaffenheit, Größe und Lage der Füllungen so sind, daß hin-
reichende Quecksilberdampf-Mengen in den Atemstrom ge-
langen. Die Höhe der hierfür mindestens erforderlichen Menge
kann man nach den bei der beruflichen Vergiftung gemachten
Feststellungen auf etwa 2 g im Kubikmeter Luft schätzen.
Man muß berücksichtigen, daß hier die quecksilberhaltige Luft
dauernd einwirkt, bei beruflicher Quecksilbervergiftung da-
gegen nur während der Arbeitszeit. Entgegen einer im
Schrifttum gelegentlich geäußerten Ansicht wird die Ver-
dampfung des Quecksilbers durch Überschichten mit Wasser
oder wässerigen Lösungen (z. B. Speichel) nicht aufgehoben,
sondern nur - und zwar verhältnismäßig wenig - verlangsamt.

    Der für das Auftreten der Vergiftung notwendige Queck-
silbergehalt in der Mundluft wird zum Glück bei der großen
Mehrzahl der Amalgamträger nicht erreicht. So erklärt es sich,
daß stärkere Amalgamvergiftungen im Verhältnis zu der un-
geheuren Verbreitung der Amalgamfüllungen selten auftreten.
Immerhin sind sie häufiger, als die meisten Ärzte und Zahn-
ärzte annehmen, und verdienen die Beachtung der Fachkreise.
Auch hier gilt wieder, daß zweifellos die leichtesten Vergiftun-
gen, die sich nur in Müdigkeit und dergleichen äußern und
kaum als ,,Krankheit" gewertet werden, weit öfter vorkommen
als ernste Erkrankungen, die den Patienten zum Arzte,
wiederum meist zu Nerven- oder Nasenfachärzten treiben.
Diese müssen, wenn sie keine andere Krankheitsursache finden,
an die Möglichkeit einer Amalgamvergiftung denken. Der
Zahnarzt selbst wird seltener in der Lage sein, eine Amalgam-
vergiftung zu diagnostizieren, weil die Patienten wegen der-
artiger Beschwerden nicht bei ihm Rat suchen. Auch die
chronische Amalgamvergiftung. die ja nichts anderes als eine
chronische Quecksilberdampf-Vergiftung ist, führt zu einer
allmählichen Steigerung der Empfindlichkeit, so daß sich die
Beschwerden im Laufe der Zeit verstärken. Wird Über-
empfindlichkeit anderweitig, z. B. im Berufe (vielleicht auch
durch Quecksilbermedikamente) erworben, so können Amal-
gamfüllungen, die vorher nicht schadeten, nun Beschwerden

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hervorrufen oder verstärken. Darum ist in solchem Falle das
Entfernen der Amalgamfüllungen geboten. Erst danach pflegt,
auch wenn die übrigen Vergiftungsquellen verstopft sind,
völlige Wiederherstellung zu erfolgen.
     Es sei nochmals gesagt, daß eine angeborene Quecksilber-
überempfindlichkeit nicht bekannt ist. Eine solche kann also
auch bei den Amalgamvergiftungen keine entscheidende Rolle
spielen. Wie bei allen physiologischen Vorgängen bestehen
natürlich auch in der Anfälligkeit gegenüber der Wirkung
des Quecksilberdampfes gewisse individuelle Verschieden-
heiten.
     Was das Kupferamalgam angeht, so kann ich mich kurz
fassen, weil, soweit ich unterrichtet bin, der Stab über ihm
heute fast allgemein gebrochen wird. Als ich seinerzeit vor
den Amalgamen warnte, war ich erstaunt, wie viele harte Ur-
teile über die Schädlichkeit des Kupferamalgams laut wurden.
Von den verschiedensten Seiten bestätigte man die Quecksil-
berabgabe. Wer alte Füllungen gesehen hat, weiß, daß darin
häufig schon mit bloßem Auge Quecksilbertröpfchen zu er-
kennen sind. Das Kupfer wird von Luft und Speichel oxy-
diert, und das Quecksilber wird frei. Zwei aus jener Zeit
stammende Äußerungen maßgebender Fachleute seien ange-
führt: ,,Das Kupferamalgam muß unter allen Umständen als
Füllmaterial abgelehnt werden" (W a n n e n m a c h e r). ,,Das
Kupferamalgam hat als Füllmaterial auszuscheiden“ (S c h o e n-
b e c k). Einen ähnlichen Standpunkt, wenn auch in etwas ver-
brämter Form, vertritt das ,,Merkblatt zur Verhütung von
Quecksilbervergiftungen in der zahnärztlichen Praxis 8), in
dem es heißt: ,,Die Verwendung von Amalgam-Präparaten,
deren Quecksilbergehalt vor der Verarbeitung durch Erhitzung
freigemacht werden muß, sollte in der modernen zahnärzt-
lichen Praxis überhaupt nicht mehr stattfinden, da hierbei die
größte Vergiftungsmöglichkeit besteht." Die Amalgam-Präpa-
rate, die erhitzt werden müssen, sind die Kupferamalgame.
     Bei dieser Sachlage ist nicht zu verstehen, daß das Kupfer-
amalgam seinerzeit auch Verteidiger fand. Ganz unbegreif-
lich ist es, daß es, wie ich erfuhr, auch heute noch in einzelnen
Zahnkliniken weitgehend benutzt wird.
    Über das Silberamalgam gehen die Meinungen noch heute
weiter auseinander. Es fehlt zwar keineswegs an Fachleuten,
die ihm die schwersten Vorwürfe machen. Andere dagegen
beteuern seine Harmlosigkeit und leugnen jede Quecksilber-
abgabe, sofern es richtig ,,dosiert" sei, d. h. die Zusammen-
setzung der Feilung und die für die Herstellung gewählte
Quecksilbermenge richtig seien. Über die chemischen Vor-
gänge bei der Amalgambildung ist noch keine völlige Klarheit
erreicht. Man nimmt an, daß die Feilung, die aus einer Silber-
Zinn-Verbindung (Ag3Sn) und einem sogenannten eutektischen
Gemisch von Silber und Zinn besteht, mit dem Quecksilber
eine Mischung von einer Silber-Quecksilber-Verbindung mit
sogenanntem Quecksilber-Zinn-Mischkristall bildet, ein Vor-
gang, der sich ziemlich langsam vollzieht, wobei die zunächst
plastische Masse erhärtet. Ein Überschuß an ,,freiem" Queck-
silber (ein nicht genau definierbarer Begriff!) müsse vermieden
werden. Nun besitzt, wie besonders aus den Untersuchungen
W a n n e n m a c h e r s  hervorgeht, das theoretisch am günstig-
sten zusammengesetzte Amalgam zwar ein Minimum an che-
mischer Angreifbarkeit (Korrosion), aber wenig befriedigende
mechanische Eigenschaften. Man muß deswegen ein empirisch
gefundenes ,,Optimum“ der Zusammensetzung wählen. Früher
stellte sich der Zahnarzt - und es geschieht wohl auch heute
noch vielfach - sein Amalgam aus Feilung und Quecksilber
nach Gutdünken her. Dabei wird im allgemeinen zu viel
Quecksilber genommen. Heute liefert, wie erwähnt, die Indu-
strie Vorrichtungen, mit denen aufeinander abgestimmte
Mengen Feilung und Quecksilber zu einem ,,optimal" zu-
sammengesetzten Amalgam vereinigt werden. Wie weit solche
Apparate in die zahnärztliche Praxis Eingang gefunden haben,
entzieht sich meiner Kenntnis. Daß Amalgame, die mehr als
die optimale Menge Quecksilber enthalten, stärker zur Queck-
silberabgabe neigen, ergibt sich wiederum aus den W a n n e n -
m a c h e r schen Untersuchungen.

Aber auch die besten Silberamalgame geben Quecksilber
ab, teils in Form fester oder flüssiger Teilchen, teils als Dampf.
Ersteres folgt schon aus der Tatsache, daß jede Füllung im
Laufe der Zeit an Substanz verliert, sowohl durch mechanische
Beanspruchung wie durch chemische ,,Korrosion";. Bei der Kor-
___________________
8) Zahnärztl. Mitteil. 1934, Nr. 32.
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rosion geht, wie W a n n e n m a c h e r schon vor zehn Jahren
feststellte und eine neuere eingehende physikalisch-chemische
Untersuchung von N. B r e c h t - B e r g e n 9) bestätigte, der
unedelste Bestandteil des Amalgams, das Zinn, in Lösung, d. h.
der Quecksilber-Zinn-Mischkristall wird unter Freiwerden von
Quecksilber zerstört. Doch auch im unangegriffenen Amalgam
hat das Quecksilber eine gewisse Verdampfungsneigung
(Dampfdruck), wie ebenfalls schon W a n n e n m a c h e r her-
vorhob. Dieser schrieb damals allerdings: ,,Dieser Dampfdruck
ist aber so gering - er ist meines Wissens noch nicht ge-
messen worden -, daß er praktisch tatsächlich keine Rolle
spielen kann.“ Inzwischen wurde er von B r e c h t -B e r g e n
gemessen und als durchaus nicht so gering befunden. Er liegt
bei kunstgerecht hergestellten Amalgamen mit 45 bis 70%
Quecksilbergehalt zwischen 11 bis 26%, bei einer Quecksilber-
Zinn-Legierung mit 30% Quecksilber bei 54% vom Dampf-
druck des reinen Quecksilbers.
     Um die Frage der Quecksilberdampfabgabe aus Silber-
amalgam-Füllungen unter den wirklichen Verhältnissen, d. h.
im Munde, unzweideutig und endgültig zu beantworten, haben
wir in der von drei uns von der hiesigen Universitäts-Zahn-
klinik zugewiesenen Amalgamträgern ausgeatmeten Luft das
Quecksilber bestimmt. 10) Die Versuchspersonen hatten durch-
weg gut aussehende, von der Zahnklinik als ,,in befriedigendem
Zustande" bezeichnete, ältere Füllungen mittleren Umfanges.
Keine von ihnen litt an Beschwerden, die deutlich auf eine
Quecksilberwirkung hinwiesen. Wir fanden die folgenden
(auf 1 Kubikmeter Luft berechneten) Quecksilbergehalte:
        I. (Größere Zahl meist sehr kleiner Füllungen, 2 Metall-
             kronen): 0,2 µg
        II. (8 kleine Füllungen): 0,1 µg; im Harn 0,2 µg /1000 cm3;
        III. (mehrere meist sehr kleine, 3 größere Füllungen: 1,0 µg;
              im Harn 4,1 µg/1000 cm3.
     In allen diesen Fällen mit verhältnismäßig günstigen
Amalgamverhältnissen ließ sich also eine deutliche Quecksilber-
dampf-Abgabe nachweisen.
     Von dem Quecksilber, das die Amalgamfüllungen verlieren,
geht der nicht dampfförmige Teil. in die Verdauungswege,
der dampfförmige teils in die Lunge, teils mit der ausge-
atmeten Luft in die Nasenwege. Was in Magen, Darm und
Lunge gelangt — es ist die Hauptmenge 11) —, richtet keinen
gesundheitlichen Schaden an. Was in die obere Nase kommt,
kann nach dem früher Gesagten im Laufe der Zeit eine chro-
nische Quecksilber- (in diesem Falle ,,Amalgam“-)Vergiftung
hervorrufen, sofern die Quecksilberdampf-Konzentration dafür
hoch genug ist. Diese Voraussetzung ist häufiger bei den sich
schneller unter Ausscheidung metallischen Quecksilbers zer-
setzenden Kupferamalgam-Füllungen erfüllt als bei guten
Silberamalgam-Füllungen. Daß aber auch diese Quecksilber-
vergiftungen verursachen können, ist sicher. Das Fachschrift-
tum, von F 1 e i s c h m a n n angefangen, bringt hierfür viele
Belege. Ich selbst habe Dutzende solcher Fälle kennengelernt,
viele aus nächster Nähe beobachtet und mehrere in früheren
Veröffentlichungen beschrieben. Hier will ich noch über einige
aus jüngster Zeit berichten.
     Der erste wurde mir von meinem hiesigen Zahnarzte mit-
geteilt: Eine 30 jährige Sportlehrerin, müde, bis zur Berufs-
unfähigkeit elend, 20 Pfund Gewichtsabnahme, hatte bei allen
möglichen Ärzten und Naturheilkundigen vergeblich Heilung
gesucht. Nach Entfernen ihrer 10 meist großen, teilweise
bröckelig gewordenen Füllungen, ohne sonstige ärztliche Be-
handlung, gesundete sie und war nicht wiederzuerkennen:
Frisch, früheres Gewicht, berufsfreudig.
_______________________
9) ,,Korrosionsuntersuchungen an Zinn - Silber - Amalgamen",
Zeitschr. f. Elektrochemie 39, 927 (1933).
10) Die Versuchsperson bläst 200 bis 300 Liter Atemluft in eine
Apparatur, die sich aus je einem mit Eis und mit flüssiger Luft ge-
kühlten Kondensationsrohr und einer Gasuhr zusammensetzt. In den
beiden Kondensaten wird das Quecksilber in der bei der Luftanalyse
üblichen Weise bestimmt. Weil das Ausatmen, bei dem ein gewisser
Gegendruck überwunden werden muß, schneller erfolgt als beim
ruhigen Atmen durch die Nase, ist anzunehmen, daß die gefundene
Quecksilberkonzentration hinter der im Munde gewöhnlich herr-
schenden etwas zurückbleibt.
11) B o r i n s k i (Zahnärztl. Mitteil. 1929, Nr. 35) kam bei um-
fangreichen Serien-Harnanalysen zu dem Schluß: ,,Ein praktisch ins
Gewicht fallender Unterschied zwischen Edelamalgam und Kupfer-
amalgam besteht hinsichtlich der Abgabe von Quecksilber nicht.“

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     Der zweite Fall betraf eine 30 jährige Patientin eines
hiesigen Nasenarztes, die hauptsächlich an chronischen, allen
Behandlungsarten trotzenden Nasenbeschwerden, starkem
Schnupfen und Katarrhen litt. Diese besserten sich schnell nach
Beseitigung der Füllungen. Der Quecksilber-Hauttest war hier
stark positiv.
     Auf einen dritten Fall gehe ich ausführlicher ein, weil ich
selbst daran beteiligt war. Dipl.-Ing. X., 37 Jahre, ohne beruf-
liche Berührung mit Quecksilber, im Bürodienst tätig, litt seit
1932, nachdem ihm einige größere Edelamalgamfüllungen ge-
setzt waren, an starken nervösen Störungen, Mattigkeit,
Nasen- und Rachenkatarrhen usw., ohne daß Ärzte eine Ur-
sache fanden oder Kuren Besserung brachten. Die Harnanalyse
ergab 3,1 µg Quecksilber im Liter; eine verhältnismäßig kleine,
wenn auch deutlich übernormale Menge. In der ausgeatmeten
Luft fanden wir 2,1 µg im Kubikmeter. X. ließ sich im Mai
1938 seine 2 großen und 11 kleinen Füllungen herausnehmen.
Er schrieb mir kürzlich u. a.: ,,Ab September-Oktober Ver-
spüre ich nun eine gewaltige Verbesserung im Wohlbefinden.
... Ich wage zu sagen, daß mein Gemütszustand sich fast
gänzlich gewandelt hat und daß fast alle Depressionen Ver -
schwunden sind." Ähnliche Äußerungen, wie ,,ein anderer
Mensch" oder ,,wie neugeboren". sind typisch für die vom
,,Erethismus mercurialis" Befreiten. Wichtig ist, daß hier die
Quecksilberkonzentration in der Atemluft bestimmt werden
konnte. Etwa 2 µg im Kubikmeter reichten aus, um bei der
dauernden Einwirkung die Erkrankung zu bewirken. Die Ana-
lyse der Atemluft hat vielleicht größeren Wert für die Diagnose
der Amalgamvergiftung als die Harnanalyse. Zur Sammlung
weiteren Beobachtungsmaterials wäre ich dankbar, wenn man
mir in Fällen, wo Verdacht auf Amalgamvergiftung besteht,
Gelegenheit gäbe, die Atemluft-Analyse vornehmen zu lassen.
In Verbindung damit könnte auch die Hauttest-Probe gemacht
werden, um deren diagnostischen Wert auch in solchen Fällen
festzustellen. Sie war auch im letzterwähnten Falle positiv.
     Ich wiederhole zum Schluß noch einmal: Sind auch so auf -
fällige Amalgamvergiftungen verhältnismäßig selten, vielfach
häufiger sind sicherlich, genau wie bei den übrigen chronischen
Quecksilbervergiftungen, die leichtesten Vergiftungsfälle, bei
denen sich die Symptome auf schwache nervös-psychische
Störungen beschränken, die aber dem Betroffenen das Dasein
schon gründlich vergällen können.
     Bei einer chronischen Amalgamvergiftung ist - dies
müssen die Krankenkassen beachten - die Ersetzung der
Amalgamfüllungen ein notwendiges Heilverfahren.
     Leider gibt es für die Amalgame, die sich so leicht ver-
arbeiten lassen und in mancher Beziehung, z. B. in der
mechanischen Widerstandsfähigkeit, befriedigen, für die
Massen- (und Kassen-)Praxis noch keinen vollwertigen Er-
satz. So ist es begreiflich, daß man den Mängeln der Amalgam-
füllungen gegenüber auch dort, wo man sie kennt, den Vogel
Strauß spielt und vorläufig auch spielen muß. Ich weiß aus
Unterhaltungen mit Zahnärzten und aus dem zahnärztlichen
Schrifttum, daß Fachleute dem Amalgam noch andere Vor-
würfe machen als den der gelegentlichen Giftwirkung: Er-
zeugung von sekundärer Karies, Zahnfleisch- und Schleim-
hautreizungen u. dgl. m.

    Hoffentlich kommt bald der Tag, der ein anderes, dem
Amalgam gleichwertiges, aber unschädliches Zahnfüllmittel
bringt. Vielleicht helfen auch hier die neuen Allerwelts-
Kunststoffe. An dahin zielenden Versuchen arbeitet man, wie
ich weiß. Vorläufig wird die Zahnheilkunde noch Silber-
amalgam benutzen und dessen Nachteile in Kauf nehmen.
Aber jeder Zahnarzt muß die gesundheitliche Gefährdung, der
er selbst und seine Patienten ausgesetzt sind, kennen und nach
Möglichkeit vermeiden.
   Anschrift: Berlin-Dahlem, Wachtelstraße 6a