Amalgam-Informationen

Korruption in der Medizin

Tatsachen muß man kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain
 

Spiegel-Online schreibt am 16.5.2006 unter "Bestechliche Medizin - Korruptionsbekämpfer prangern gefälschte Medizin-Studien an" über eine Studie von Transparency International (TI):
"Die TI-Experten der Arbeitsgruppe Gesundheit prangern überdies an, dass insbesondere Pharma-Unternehmen direkten Einfluss auf wissenschaftliche Studien und Experten nehmen. Vierzig Prozent der medizinischen Studien aus dem vergangenen Jahr seien nachweislich gefälscht oder durch Sponsoring manipuliert, sagte Peter Schönhöfer, Arbeitsgruppenmitglied und Pharmakologe."
Wie wird gefälscht? Z.B. mit (Geld-)Schein-Studien; hier eine Reportage des NDR.

John Ioannidis (s. Kommentar dazu) stellte fest, dass bis zu 90% der Studien, denen Ärzte hinsichtlich der verordneten Therapien vertrauen, irreführend oder völlig gefälscht sind. Bedenklich ist, dass die Fälschungs­häufigkeit in den letzten 10 Jahren massiv zugenommen hat.

Verflechtungen zwischen Wissenschaftlern und Industrie
Eine Studie im "British Medical Journal" 1) beschrieb, dass finanzielle Verflechtungen zwischen Wissenschaftlern und der auftraggebenden Industrie bei epidemiologischen Klinikstudien völlig normal sind und generell zu positiven Ergebnissen führen. In einer von der renommierten Zeitschrift "Nature" 2) veröffentlichten Studie wurde gezeigt, dass jeder dritte Wissenschaftler Studienergebnisse unterschlagen, gefälscht oder uminterpretiert hat, um den Interessen der Auftraggeber (meist pharmazeutische und chemische Industrie) zu genügen.

1) S Keyhani et al.: Financial ties of principal investigators and randomized controlled trial outcomes: cross sectional study (1.2017)

2) Martinson BC, Anderson MS, de Vries R.: Scientists behaving badly, Tabelle, Volltext (6.2005).

Richard Horton, Chefredakteur des renommierten medizinischen Wissenschaftsmagazins "The Lancet", kommentiert in einem Bericht über ein Londoner Symposium (April 2015), das die Zuverlässigkeit biomedizinischer Forschung zum Thema hatte: "Etwas läuft grundsätzlich falsch mit einer der größten Schöpfungen des Menschen. ... Ein großer Teil der wissenschaftlichen Literatur, vielleicht die Hälfte, ist einfach unwahr.". Kommentar.

Betrug wird bestraft
Nach einem Bericht des US-Gesundheitsministeriums nahm es in 2010 durch juristische Entscheidungen oder Vergleiche bei Betrug im Gesundheitswesen 2,5 Mrd. US-$ ein; Spitzenreiter: die pharmazeutische Industrie. Kommentar von Dr. Mercola.

So wird gefälscht
Die Fälscher in der Wissenschaft werden angeleitet und bezahlt von mächtigen Interessengruppen. Wenn ein klarer Stand der Wissenschaft verfälscht werden soll, lautet die wichtigste Aufgabe der Fälscher: Zweifel säen, indem Nebensächlichkeiten in den Vordergrund geschoben werden.

Selbst renommierten Wissenschaftsjournalen kann man nicht vertrauen: "... wenn man bedenkt, wie stark die Magazine von den Anzeigen der Pharmakonzerne abhängen. Viele von ihnen sind wenig mehr als Vehikel für den Transport der Werbebotschaften." sagt Marcia Angell, ehem. Chefredakteurin beim New England Journal of Medicine. Und die Wissenschaftsmagazine machen es den Fälschern leicht: sie veröffentlichen alles, auch von Computern erzeugte Pseudowissenschaft (= Müll); s. auch die Studie The conceptual penis as a social construct. In "Brokers of junk science?" wird gezeigt, wie "Critical Reviews in Toxicology" und "Regulatory Toxicology and Pharmacology" systematische Verharmlosung von Giften fördern. Das System der wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist korrupt.

Dr. Tino Merz zeigt, wie Fälschungen Eingang gefunden haben in die Merkblätter über Berufskrankheiten und wie Gutachter die Fälschung mithilfe von Desinformation durch Verfälschung der wissenschaftlichen Grundlagen fortsetzen.

Beispiel 1: Tabakindustrie, Krebs
Beispielhaft für großangelegte Fälschungen: die Bestechung deutscher Mediziner durch die Tabak-Industrie; s. dazu "Tobacco Industry Influence on Science and Scientists in Germany" (2006) und dazu der Spiegel-Bericht "Im Würgegriff der Industrie" (5.12.2005), die Studie "Vom Teufel bezahlt" (23.8.2010) und "Wie die Tabaklobby die EU-Gesetzgebung beeinflusste" (12.1.2010). Eine Studie (2007) zeigt das Wirken von Korruption auch in der Krebsforschung. Das "International Journal of Occupational and Environmental Health" hat 2005 in mehreren Artikeln die Situation beschrieben.

Beispiel 2: Saatgutindustrie, Monsanto, genetisch veränderte Organismen
Roundup mit seinem Wirkstoff Glyphosat ist das weltweit am meisten verkaufte Pflanzengift, produziert vom Agro-Konzern Monsanto. Der hat Saatgut, speziell Mais, durch genetische Veränderungen resistent gegen Roundup gemacht und verkauft es mit dem Etikett Roundup-Ready - zwei sehr erfolgreiche Produkte für den Hersteller.

Im Jahr 2012 erregte die Seralini-Studie von einem Forscherteam um den französischen Molekularbiologen Gilles-Éric Séralini großes Aufsehen. Die Langzeit-Studie zeigte, dass Roundup-resistenter Mais und Roundup selbst karzinogen ist und zu Tumoren führt. Nach Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology (FCT) erfolgte ein Trommelfeuer scheinbar unabhängiger Wissenschaftler gegen diese Studie, die daraufhin von der Fachzeitschrift zurückgezogen wurde. Nun wurde im Rahmen eines Gerichtsprozesses gegen Monsanto publik, dass Monsanto das Trommelfeuer gegen die Seralini-Studie orchestriert und den FCT-Herausgeber A. Wallace Hayes bezahlt hat; s. Berichte auf gmwatch.org, Huffington Post und die Originaldokumente.

Ein weiterer Schlag für Monsanto war die Einstufung von Glyphosat als krebserregend durch die IARC. Bevor der IARC-Bericht veröffentlicht wurde, organisierte Monsanto die Herstellung von Unbedenklichkeits-Studien durch namhafte Wissenschaftler, die zwecks Kostenersparnis nur noch ihren Namen unter fertige Studien zu setzen hatten; s. Bericht von CNN.

Ein anderes Problem ergibt sich, wenn Untersuchungen an Körperzellen gemacht werden und diese Zellen nicht von der Art sind, wie sie der Forscher erworben hat und in seiner Studie benennt. Dann sind die entsprechenden Forschungsergebnisse eigentlich wertlos. Details finden sich in folgenden Beiträgen:

Konsequenz der Fälschungen
Ärzte nützen nicht dem Patienten, sondern sie schaden ihm. In einer Studie von 1994 (hier der Volltext und ein Zeitungsartikel) wurde festgestellt, dass 20-36% der Patienten iatrogen, also durch den Arzt, geschädigt worden waren, häufig durch verordnete Medikamente. Zum andern trauen Ärzte und Patienten den Ergebnissen medizinischer Forschung immer weniger. In einer britischen Studie sagten 82% der Allgemeinärzte, dass sie den wissenschaftlichen Ergebnissen der Medikamententests nicht trauen; Patienten trauen Freunden (und ihrem Hausarzt - paradox!) eher als wissenschaftlichen Ergebnissen (s. auch Kommentar dazu).

Unsichere Medikamente
Pharma-Konzerne empfinden einen hohen Druck, ständig neue, patentgeschützte Medikamente auf den Markt zu bringen, von denen sich wenigstens einige als Cashcows erweisen sollen. Sicherheitsanforderungen stören da nur und werden mit den Zulassungsbehörden diskutiert mit dem Ziel der Aufweichung. Deshalb gibt es bei einer großen Zahl neuer Medikamente Sicherheitsprobleme.
Studie: Postmarket Safety Events Among Novel Therapeutics Approved by the US Food and Drug Administration Between 2001 and 2010; Kommentar.
Film über fehlerhafte Medikamente: Fälschungen haben deutsche Apotheken längst erreicht

Wohin und wofür fließt das Geld?

  • Bilanz 2016:
    Pharmafirmen zahlten 562 Millionen Euro an Ärzte in Deutschland
    Das Geld wird als Honorar für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen (AWBs), als Vortragshonorar und für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen gezahlt. Mit weiteren 101 Millionen Euro sponserte die Industrie Veranstaltungen und Institutionen.

    Hinzu kommen die Zahlungen der kleinen und mittleren Unternehmen, die im Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) zusammengeschlossen sind, sowie die Zahlungen der großen Generikafirmen und der Homöopathie-Unternehmen.

    In Deutschland ist es jedem Arzt überlassen zu entscheiden, ob die Zahlungen, die er erhalten hat, veröffentlicht werden dürfen. In den USA gibt es seit Präsident Obama eine entsprechende gesetzliche Verpflichtung.
  • Kickbacks
    Ärzte orientieren sich bei der Verordnung von Medikamenten nicht nur an der medizinischen Notwendigkeit, sondern auch an ihrem Profit. Zwei Drittel der US-Amerikaner werden von Ärzten behandelt, die Geld von Pharma-Konzernen erhalten für Therapien, die die Gewinne dieser Unternehmen steigern: Unternehmen und Ärzte gewinnen, Patienten verlieren. Denn die Ärzte verschreiben die entsprechenden Produkte.