DZW 1928, Nr. 4, 20 Februar (- Auszug -)

Prof. Dr. Fleischmann

 

Ueber den Stand der Frage der Gefährlichkeit der Amalgamfüllungen

 

 

Fall K. 32jähriger Rittmeister a. D.. Früher stets gesund gewesen. Leidet seit 1924 an periodischen Kopfschmerzen, große unerklärliche Mattigkeit, stark anämisches Aussehen, schlechte Hautfarbe, unregelmäßiger Stuhlgang, der frühher stets regelmäßig gewesen sein soll. Große Vergeßlichkeit.

Amalgamfüllungen in den Jahren 1920-1924 gelegt.

Die Beschwerden bestanden seit Ende 1924.

Starker Raucher, kein Alkohol.

Eingehende innere Untersuchungen ohne krankhaften Befund. - Zahnfleisch entzündet, leicht blutend.

- Untersuchung auf Quecksilber im Oktober 1926 ergab 4/1000 mg Hg pro Liter. - Patient hat bestimmt nichts mit Quecksilber zu tun, nie Quecksilberkur.

Daraufhin eingehende Sanierung des Gebisses, Entfernung aller Amalgamfüllungen, unter denen eine Reihe Kupferfüllungen - Kuppelfüllungen - vorhanden waren. - Diese Behandlung wurde noch im Oktober 1926 durchgeführt.

Befund im D e z e m b e r 1 9 2 6: Die Kopfschmerzen sind bis auf einen geringen Rest verschwunden. Appetit bedeutend besser. Vergeßlichkeit gebessert. Stuhlgangsverhältnisse geregelter. Der Gesichtsausdruck total verändert. Gewichtszunahme von 63 auf 65 kg.

Die vorletzte Nachricht aus dem Juli 1927 ergab völliges Gesundsein. Kopfschmerzen ganz und gar geschwunden. Allgemeines Wohlbefinden. Quecksilbermenge pro Liter jetzt 1/10000, früher 4/1000.

Die letzte Mitteilung November 1927: Völliges Wohlbefinden; jetzt (November 1927): Urin Hg-frei.

 


 

Fall S. 38 Jahre alt. Seit 20 Jahren Durchfälle, durchschnittlich einen bis vier breiige bis flüssige Entleerungen pro Tag. Vielfache Behandlungsversuche und Kuren des wohlhabenden Mannes ohne jeglichen Erfolg. Die Durchfälle treten unabhängig von der Ernährung auf. Untersuchungen von Urin und Speichel auf Grund der Stockschen Befunde (Oktober 1926). Urin enthält 3/1000 mg pro 1 1/4 Liter, Speichel 11/1000 mg Hg in 250 ccm.

Einige Tage nach Beginn der Entfernung von 18 Amalgamfüllungen (November 1926), die z. T. sehr groß waren an Zahnhälsen von Backzähnen lagen dicht am Zahnfleisch, zum Teil im Kontakt mit Goldarbeiten im Munde, steigerten sich die Durchfälle bis zu 12 Entleerungen täglich, dann trat allmählich eine Besserung ein, die vollkommen angehalten hat.

Eine Untersuchung der Faeces im Januar, also zwei Monate nach Beginn der Behandlung, zeigte 2/10000 mgr Hg in etwa 50 g Faeces.

Außer den Durchfällen und dabei auftretenden kolikartigen Beschwerden und auch einer Neigung zu Rachenkatarrh waren andere Beschwerden, etwa Speichelfluß, Tremor oder psychische Beschwerten oder Zeichen von Müdigkeit und Arbeitsunlust nicht vorhanden, es handelt sich also um eine Art monosymptomatischer Fall.

Die Neigung zur Durchfällen ist allmählig so gut wie ganz verschwunden.

Letzte Untersuchung von Urin und Faeces (November 1927) n e g a t i v.

 


 

Frau Dr. L., Arztgattin. Amalgamfüllungen seit 1920; eine Silberamalgamfüllung war mit einer Zinkkappe überdeckt; eine Brücke war s c h w a r z a n g e l a u f e n und mit Quecksilbertröpfchen beim Herunterklappen bedeckt.

Beschwerden seit dem Setzen der Füllungen 1920; - Schwindelanfälle, heftige Kopfschmerzen im Hinterkopf, Nackenschmerzen, starke Müdigkeit periodisch auftretende ausgesprochene Gedächtnisschwache, depressive Stimmung, rheumatisch-neuralgische Schmerzen in den Beinen, zeitweise heftige Koliken mit Schleimabgang; kein Speichelfluß, keine Stomatitis; vielfache Untersuchungen und Behandlungen seitens erster Autoritäten resultatlos.

Am 8. Februar 1927 alle Füllungen entfernt. Im März und Juni noch Hg im Urin und Faeces

Im August 1927 subjektiv gebessert. November 1927: U r i n u n d S t u h I H g - f r e i. Fühlt sich als anderer Mensch; vollkommen gesund und leistungsfähig

 


 

Dr. M., Tierarzt, 51 Jahre alt. Früher längere Zeit in den Tropen gelebt dort gesund gewesen. - Klagen über Kopfschmerzen, Gedächtnisschwäche Gliederschmerzen, häufige, Depressionszustände, schlechte Konzentrationsfähigkeit. Seit längerer Zeit in vielfacher Behandlung ohne Beeinflussung der Beschwerden; seit längerer Zeit auch vielfach erfolglos behandeltes Anal-Exzem. Speichelfluß; seit 14 Tagen Stomatitis.

B e f u n d (Oktober 1926): Blutdruck 160 mm Quecksilber. Herz leicht nach links verbreitert, Herztöne rein. -In monatelanger Behandlung blieben die gesamten Beschwerden unbeeinflußt.

Am 1. Dezember 1926 fand sich im Speichel 1/10000 mgr Quecksilber; Urin negativ; ebenso am 22. Januar 1927. Am 14. April 1927 Faeces 1/10000 mgr Hg. Die letzten Kupferamalgamfüllungen waren im Dezember 1926 entfernt, statt dessen aber Silberamalgam eingelegt. Da die Beschwerden erhalten blieben und auch dauernd noch im Urin Quecksilber vorhanden war, wurden auch die Silberamalgamfüllungen im Juni 1927 entfernt. Die Stuhluntersuchung vom 6. November 1927 ergab nunmehr ein n e g a t i v e s Resultat. Es muß fraglich bleiben, ob der bis zum Juni 1927 vorhandene Gehalt an Quecksilber auf die alten Cn-Füllungen oder von den neuen Silberamalgamfüllungen herrührten.

Inzwischen war völliges Zurückgehen der früher quälenden Beschwerden insbesondere Steigerung der Arbeitsfähigkeit, Schwinden der Depressionszustände auch Schwinden des Anal-Exzems erreicht.

Eine Untersuchung des Blutes auf Harnsäure und Traubenzuckergehalt ergab normale Werte. - Nicht mehr aufgetreten sind auch die früher sehr häufigen Reizerscheinungen von seiten der Bindehaut, die von augenärztlicher Seite als Epicyklitis angegeben wurden.

 


 

Frl. Dr. M., Dessau, 30 Jahre, Chemikerin, ist seit vier Jahren aber nur noch literarisch tätig. Leidet seit Jahren an Kopfschmerzen und häufigen Rachenkatarrhen, Gedächtnis auffallend schlecht.

Körperlicher Befund bei der schlanken Patientin ohne Besonderheit. Sie hat 15 Edelamalgam- und eine Kupferamalgamfüllung.

Im Urin fänden sich 1/10000 mgr Quecksilber. Im Februar 1927 wurden sämtliche Quecksilberfüllungen entfernt. Nach Herausnahme der Füllungen Besserung der Beschwerden. Urin im August 1927 Quecksilber negativ.

 


 

R., 34 Jahre, Kaufmann. Seit Jahren hinfällig, kaum imstande etwas geistig aufzunehmen; oft Herzklopfen mit Atembeklemmung; zeitweise Depressionszustände.

R. hatte 1916 -1918 - wenn auch wenig - in der Firma Reiniger, Gebbert & Schall mit Quecksilber zu tun. Seit dieser Zeit bestehen die Schwächezustände.

Der Urin des Patienten enthielt im November 1926 5/10000 mgr Hg. Im November 1926 wurden sämtliche Amalgamfüllungen ausgebohrt. Daraufhin unterzog sich der Patient wegen eines rechtsseitigen leichten Lungenspitzenkatarrhs einer Kur in Reinerz. Von dieser kam er April 1927 gebessert zurück doch bestanden noch monatelang weiter die Benommenheit des Kopfes Druckgefühl auf der Brust, die Schwächeempfindungen. Im Mai befanden sich noch 3/10000 mgr Quecksilber im Urin. Im August 1927 war kein Quecksilber mehr auffindbar.

Der Patient gibt an, daß er sich jetzt so wohl fühle wie seit Jahren nicht mehr und daß er trotz großer körperlicher und geistiger Ansprüche durch Uebernahme eines neuen Geschäftszweiges in ausgezeichneter Verfassung sich befände.

 


 

F a l l A.: 52jähriger Dipl.-Ingenieur, Studienrat, hat nichts mit Quecksilber etwa im Unterricht. zu tun. Seit 15 Jahren besteht Müdigkeit rezidiverendem Nasen- und Rachenkatarrh, Magen- und Darmstörungen die als nervöser Natur angesehen wurden, Neigung zu Schweißen, Angstgefühl, Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwäche, Nervenschmerzen, Lebensüberdruß - Kuren und Urlaub bis zur Dauer von 8 Monaten im Jahre 1926 der teils in Davos teils im Schwarzwald, teils an der Nordsee zugebracht wurde, immer erfolglos.

Fast alle Zähne waren bei ihm 1903-1905 mit Amalgam gefüllt, halbjährliche Nachfüllungen, eine Reihe großer Kupferamalgamfüllungen (4 Silber- 11 Cn-Amalgamfüllungen). Diagnose. stets: Ueberarbeitung, Schwäche nach Grippe, konstitutionelle Nervenerschöpfung.

Quecksilberbefund im Urin (März 1927): 1/10000 mgr im Liter. Sanierung des Gebisses im April 1927. Darauf Aachener Schwefelbäder.

- Letzte Nachricht (Dezember 1927): Langsame Besserung des Zustandes in jeder Beziehung, der bisher für alle Behandlungsmethoden refraktär seit Jahrzehnten gewesen ist.

 


Anmerkung: Diese Fallbeschreibungen und 30 weitere wurden als Teil eines wissenschaftlichen Beitrags auf der Basis der Arbeiten von Prof. Dr. Fleischmann, Prof. Dr. His, Prof. Dieck und Dr. Zantop und der medizinischen Klinik der Charité (Berlin) auf der Versammlung der DGZMK (damals noch "Deutsche Gesellschaft für Zahn- und Kieferheilkunde") vom 2. - 5. September 1927 in Nürnberg veröffentlicht. Bis zum Redaktionsschluss Anfang Dezember 1927 war die Zahl auf 51 anerkannte Fälle gestiegen.

Eine Anfrage beim BfArM (Gesprächspartner war Herr Dr. Schorn) ergab, dass alle Unterlagen über diese und alle anderen Untersuchungen über Amalgam im Krieg (1939-1945) vernichtet worden sein sollen - da bräuchten wir überhaupt nicht weiter zu suchen.


PAIN Essen, c/o Wiese, Pferdemarkt 5, 45127 Essen,
15. Juni 2004, zuletzt geändert: 12. Oktober 2004